Was ist schlimmer: Tandemsprung oder Bühne?
Herzrasen, flauer Magen, inneres Drama: Alessa testet, ob Fallschirmspringen schlimmer ist als ein Auftritt auf der Bühne. Tipps inklusive.


Heute springe ich aus einem Flugzeug.
Freiwillig. Ich habe dafür sogar bezahlt. Manche Menschen kaufen sich zur Entspannung eine Massage. Ich buche offenbar einen Termin mit der Schwerkraft.
Wenn ich wirklich an den Moment denke, beschleunigt sich mein Herz. Mein Magen wird komisch.
Und genau das höre ich von meinen Klienten und Klientinnen, wenn sie beschreiben, wie es sich anfühlt, kurz bevor sie auf eine Bühne gehen: Herzrasen, flauer Magen, trockener Mund, ein bemerkenswert kreativer Fluchtimpuls. Und im Kopf ein innerer Dialog, der plötzlich ohne Einladung die Moderation übernimmt.
Darum opfere ich mich jetzt für die Wissenschaft. Na gut: für einen höchst persönlichen Feldversuch mit einer Versuchsperson. Mir.
Meine Frage lautet: Ist Fallschirmspringen schlimmer, als vor Kameras und Publikum zu stehen?
Die ehrliche Antwort gibt es nach dem Sprung. Heute geht es um das Davor: um Nervosität, Lampenfieber, Gedankenkarussell. Und darum, was wirklich hilft, wenn der Körper schon Alarm schlägt, obwohl der Auftritt noch gar nicht begonnen hat.
Was haben Fallschirmspringen und Lampenfieber gemeinsam?
Mehr, als meinem Magen lieb ist.
Beim Gedanken an einen Tandemsprung reagiert der Körper auf eine erwartete Ausnahmesituation. Beim Lampenfieber reagiert er auf Aufmerksamkeit: Gleich schauen Menschen zu. Gleich könnte etwas schiefgehen. Gleich könnte ich den Faden verlieren, rot werden oder aus Versehen „Herzlich willkommen im Olymp der Kommunion“ sagen.
Die Situation ist verschieden. Die körperliche Aktivierung kann sich erstaunlich ähnlich anfühlen:
• Das Herz schlägt schneller.
• Die Atmung wird flacher oder hektischer.
• Hände werden feucht oder kalt.
• Der Magen meldet sich ungefragt zu Wort.
• Die Aufmerksamkeit verengt sich.
• Der innere Dialog produziert Katastrophen in Serienqualität.
Bei einer kleinen Studie mit sieben männlichen Fallschirm-Neulingen erreichten Herzfrequenz, Hautleitfähigkeit, Speichel-Alpha-Amylase und Cortisol unmittelbar nach dem Sprung Spitzenwerte. Die Studie ist viel zu klein, um daraus eine Wahrheit für alle Menschen abzuleiten. Sie zeigt aber schön: Ein erster Fallschirmsprung ist nicht nur „ein bisserl aufregend“. Der Körper arbeitet tatsächlich auf Hochtouren.
Beim Sprechen vor Publikum ist der Auslöser ein anderer, aber auch hier kann der Körper eine Leistungssituation wie eine Bedrohung behandeln. Das ist keine Charakterschwäche. Es ist ein Schutzprogramm auf Doping.
Nervosität ist nicht das Problem. Die Interpretation ist es oft.
Viele Unternehmer und Unternehmerinnen, Führungskräfte, Sprecher und Sprecherinnen wollen vor einem Auftritt vor allem eines: ruhig werden.
Verständlich. Aber vielleicht ist „Ich muss mich sofort beruhigen“ nicht der beste Auftrag an einen Körper, der gerade eindeutig nicht ruhig ist.
Die Harvard-Forscherin Alison Wood Brooks untersuchte, was passiert, wenn Menschen ihre Aktivierung nicht als Angst, sondern als Aufregung deuten. In ihren Studie schnitten Menschen besser ab, wenn sie sich sagten „Ich bin aufgeregt“, statt krampfhaft ruhig werden zu wollen.
Das heißt nicht, dass Angst einfach wegbehauptet werden soll. Bitte kein positives Denken mit aufgeklebtem Dauergrinsen. Es heißt: Die körperliche Energie muss nicht automatisch gegen dich arbeiten.
Herzklopfen kann bedeuten: „Gefahr!“
Es kann aber auch bedeuten: „Das ist wichtig. Mein Körper stellt Energie bereit.“
Der Puls ist derselbe. Die Geschichte dazu ist eine andere.
Ach, da sieht man wieder schön, wie es immer auf die Geschichte ankommt.
Der innere Dialog vor dem Sprung. Und vor der Bühne
Mein Kopf bietet derzeit mehrere Programme gleichzeitig an:
„Das wird großartig.“ „Das ist vollkommen irre.“ „Andere Menschen machen das jeden Tag.“ „Wieso hast du da zugesagt?" "Alessa, du hast schon andere arge Sachen gemacht. Bei denen war es auch rau und windig!"
Ein innerer Dialog ist nicht automatisch klug, nur weil er aus dem eigenen Kopf kommt. Manchmal ist er hilfreich. Manchmal ist er ein inneres Meeting ohne Moderation, in dem Angst, Ehrgeiz und Fantasie gleichzeitig präsentieren.
Wichtig ist nicht, jeden negativen Gedanken zu stoppen. Gedanken halten sich selten an Kündigungsfristen. Wichtiger ist, sie zu erkennen und zu prüfen:
1. Was sage ich mir gerade konkret? Nicht „Ich bin nervös“, sondern der genaue Satz.
2. Ist das eine Tatsache oder eine Prognose? „Ich werde mich blamieren“ ist keine Tatsache. Es ist Kopfkino mit sehr selbstbewusstem Trailer.
3. Welche Formulierung ist realistisch und hilfreich? Nicht: „Ich habe überhaupt keine Angst.“ Sondern: „Ich bin nervös und kann trotzdem den nächsten Schritt machen.“
Wer tiefer einsteigen möchte: Im zflys-Beitrag „Was die Wissenschaft über deinen inneren Dialog weiß“ geht es darum, wie Selbstgespräche Gefühle und Kommunikation beeinflussen.
Lampenfieber überwinden? Fünf Tipps, die nicht aus der Kalenderspruch-Abteilung kommen
1. Benenne die Aktivierung neu
Sag nicht automatisch: „Ich habe Angst, also bin ich nicht bereit.“
Probier stattdessen:
• „Ich bin aufgeregt, weil mir das wichtig ist.“
• „Mein Körper macht sich leistungsbereit.“
• „Alessa, du musst nicht ruhig sein. Du musst nur den nächsten Schritt machen.“
Der letzte Satz schafft zusätzlich etwas Abstand. Und ja, sich selbst beim Namen anzusprechen wirkt zunächst ein wenig wie ein Gespräch im Gemeinderat. Es kann aber helfen, nicht völlig mit dem Gedanken zu verschmelzen. Und wir hören auch sehr gerne unseren Namen.
2. Atme so, dass das Ausatmen nicht zu kurz kommt
Unter Stress atmen viele Menschen schnell und hoch. Vor einer Präsentation hilft mir: angenehm einatmen, etwas länger ausatmen, ohne Pressen und ohne olympischen Luftanhalte-Wettbewerb.
Wenn dir schwindlig wird, hör auf und atme normal. Und beim Tandemsprung gilt selbstverständlich: Ich folge den Anweisungen der ausgebildeten Profis. Da ist mein aktives Zuhören auf ganz stark gedreht!
3. Bereite den Einstieg vor, nicht jedes einzelne Wort
Vor vielen Menschen muss ich nicht jede Silbe kontrollieren. Das wäre kein Vortrag, sondern betreutes Ablesen.
Was ich aber sehr wohl vorbereite:
• den ersten Satz,
• die erste Minute,
• die Kernbotschaft,
• den letzten Satz.
Sobald der erste Schritt sitzt, darf der Rest wieder lebendig werden.
4. Warte nicht auf Angstfreiheit
Der größte Schmäh der Nervosität lautet: „Sobald du dich sicher fühlst, kannst du anfangen.“
Leider entsteht Sicherheit oft erst durchs Tun. Durch Proben. Durch kleine Auftritte. Durch größere Auftritte. Durch den nächsten Auftritt, bei dem wieder etwas kribbelt, aber du schon weißt: Ich kann mit diesem Gefühl arbeiten.
Mut ist nicht die Abwesenheit von Nervosität. Mut ist Nervosität mit Termin im Kalender.
Mein Feldversuch für die Kommunikation!
Damit der zweite Blogbeitrag nicht mit „Es war irgendwie intensiv“ endet, dokumentiere ich den Versuch so konkret wie möglich.
Ich messe zu fünf Zeitpunkten:
1. Jetzt, zwei Tage vor dem Sprung
2. 30 Minuten vor dem Start
3. Unmittelbar vor dem Absprung
4. Direkt nach der Landung
5. 90 Minuten später
Und ich notiere jeweils:
Beobachtung – Meine Messung
Nervosität – 0 bis 10
Körper – Herz, Magen, Atmung, Hände, Spannung
Innerer Satz – wortwörtlich, ohne nachträgliche PR-Abteilung
Fluchtimpuls – 0 bis 10
Fokus – Gefahr, Aufgabe, Menschen oder Vorfreude?
Puls – falls zuverlässig über meine Uhr verfügbar
Danach vergleiche ich diese Notizen mit meinen Erinnerungen und vorhandenen Aufzeichnungen von Auftritten vor 16 Kameras und 800 Menschen.
Wissenschaftlich im strengen Sinn ist das nicht. Eine Versuchsperson, keine Kontrollgruppe, keine Verblindung. Und die Versuchsperson weiß verdächtig genau, worauf der nächste Blog hinauswill. Aber als ehrlicher Selbstversuch kann es etwas sichtbar machen, das in glatten Erfolgsgeschichten oft fehlt:
den tatsächlichen inneren Dialog vor, während und nach einer mutigen Handlung.
Also: Ist Fallschirmspringen schlimmer als vor Publikum zu sprechen?
Noch weiß ich es nicht.
Meine Vermutung: Der Moment an der offenen Flugzeugtür wird körperlich heftiger. Aber ein Auftritt vor hunderten Menschen dauert länger, lässt mehr Raum fürs Gedankenkarussell und berührt eine andere Angst: nicht die vor der Höhe, sondern die vor Bewertung.
Vielleicht ist genau das der Punkt. Angst hat nicht nur eine Lautstärke. Sie hat eine Bedeutung.
Beim Fallschirmspringen frage ich mich: „Bin ich sicher?“
Vor Publikum frage ich mich vielleicht (!): „Bin ich gut genug?“
Und die zweite Frage kann, bei aller objektiven Harmlosigkeit einer Bühne, verdammt tief gehen.
Heute springe ich. Danach schreibe ich Teil zwei. Ich werde festhalten, was mein Körper gemacht hat, was mein Kopf geschrien oder geflüstert hat und welcher Satz tatsächlich geholfen hat.
Bis dahin gilt für den Sprung wie für die Bühne:
Ich muss nicht angstfrei sein, um es zu machen.
Wenn du vor deinem nächsten Auftritt nicht aus einem Flugzeug, aber zumindest aus deiner Komfortzone musst: Sprich mit zflys über klare, wirksame Kommunikation. Falls Fallschirmspringen dafür nicht zwingend notwendig ist, bin ich nach diesem Wochenende vermutlich nicht böse.
Du musst nicht angstfrei sein. Du musst anwesend sein.
Wenn du vor deinem nächsten Auftritt nicht aus einem Flugzeug, aber zumindest aus deiner Komfortzone musst: Wir arbeiten an einer klaren Botschaft und einem Auftritt, der nach dir klingt.
Quellen
• Messina, G. et al. (2016): Parachute Jumping Induces More Sympathetic Activation Than Cortisol Secretion in First-Time Parachutists, *Asian Journal of Sports Medicine*, 7(1), e26841. Kleine Studie mit sieben männlichen Fallschirm-Neulingen.
• Brooks, A. W. (2014): Get Excited: Reappraising Pre-Performance Anxiety as Excitement, *Journal of Experimental Psychology: General*, 143(3), 1144–1158.
• Bentley, T. G. K. et al. (2024): A Systematic Review of Breathing Exercise Interventions for Anxiety and Stress, *Brain Sciences*, 14(8), 757.
