Dirigieren als Führungskunst

Ein Gespräch über  Kommunikation, Klarheit, Bilder und warum Führung mehr mit Zuhören als mit Lautstärke zu tun hat. 

Ein Blog von Alessa Prochaska, mit Interviewausschnitten aus einem Gespräch mit Dirigent Andreas Zöller. 

Was wir von Orchestern lernen können

Ein Orchester ist kein Zufall. 

50 bis 120 Menschen, ein Moment, ein Atem – und doch bleibt jede Stimme eigen. 

Im Gespräch mit Dirigent Andreas Zöller wird schnell klar: 

Musik ist hier nur die Oberfläche. Darunter liegt etwas sehr Vertrautes: 

Führung, Kommunikation, Vertrauen und Timing. 

Das Interview

Alessa 

Wie wird man eigentlich Dirigent? 

Andreas 

Dirigent wird man, weil man eine gute Ausbildung hat – oder weil man sich ein Orchester sucht oder selbst eines gründet. 

Es gibt viele Wege: klassisch über Studium, über Musikpädagogik oder – wie bei mir – berufsbegleitend über eine Akademie. 

Alessa 

Und was ist der wichtigste Skill, den man dort lernt? 

Andreas 

Kommunikation. 

Inhaltsverzeichnis

Interessant: Nicht Technik, nicht Autorität, sondern Beziehungsgestaltung. Führung beginnt nicht beim Können, sondern beim Verbinden.
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Alessa 

Kommunikation eher verbal oder nonverbal? 

Andreas 

In der Probe ungefähr halbe-halbe. 

Man hört etwas, gibt eine verbale Rückmeldung – und dann muss es nonverbal zusammenpassen: Taktstock, Bewegung, Körpersprache. 

Am Ende muss das, was ich sage, das, was ich zeige und das, was ich hören möchte, eins sein. 

Alessa 

Das ist Kohärenz. 

Andreas 

Genau. 

Wenn ich ruhig dastehe und sage „Ich bin unglaublich aufgeregt“, dann ist das komisch. 

Und im Orchester ist es genauso: Wenn ich etwas Aufgeregtes hören will, muss sich das auch in meinen Worten und Bewegungen zeigen. 

Menschen vertrauen dem, was stimmig ist. Wenn Wort, Körper und Timing nicht dasselbe erzählen, gewinnt fast immer das Nonverbale.
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Alessa 

Du arbeitest viel mit Bildern, oder? 

Andreas 

Sehr. 

Zum Beispiel beim Legato: Wir sagen dann gerne 

„Wir lassen keinen Sonnenstrahl zwischen die Noten.“ 

Das ist viel klarer als „spiel gebunden“. 

Ein Bild ersetzt tausend Korrekturen. Gute Führung spricht nicht nur die Sachebene an, sondern die Vorstellungskraft.
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Andreas 

Oder die Klangfarbe: 

Ich stelle mir das Orchester wie Farben vor. 

Die Oboe vielleicht violett, der Bass dunkelbraun, die Flöten gelb. 

Dann vermittle ich eine Mischung – und jeder ordnet sich mit seiner Farbe ein. 

Alessa 

Und trotzdem bleibt die Oboe Oboe. 

Andreas 

Genau. 

Wenn der Kontrabass klingen würde wie die Geige, bräuchten wir ihn nicht. 

Nicht was gesagt wird, sondern wie es klingt. Übertragen auf Marken & Teams: Tonalität, Haltung, Energie.
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Alessa 

Fragst du das Orchester auch nach seiner Meinung? 

Andreas 

Ja, sehr oft. 

Zum Beispiel: „In welchem Tempo fühlt ihr das Stück?“ 

120 oder 124 Schläge – riesiger Unterschied für uns, kaum hörbar für das Publikum. 

Aber: Ich begrenze das. 

Eine Probe ist keine Diskussionsrunde. Maximal zwei Fragen. 

Alessa 

Was war dein größtes kommunikatives Aha? 

Andreas 

Dass alle zuerst dort abgeholt werden wollen, wo sie sind. 

Positive Sprache ist extrem wichtig. 

Nicht: „Du bist zu spät.“ 

Sondern: „Ich wünsche mir, dass du etwas pünktlicher bist.“ 

Und: Feedback. 

Das kleinste, aber super wichtiges Feedback ist ein Lächeln. 

Ein Blick. Ein Lächeln. Ein kurzer Applaus. Feedback ist kein Extra – es schließt den Kommunikationskreis.
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Alessa 

Wann wird ein Orchester für dich ein Spitzenorchester? 

Andreas 

Wenn man spürt, dass alle gerne da sind. 

Dass wir uns sicher fühlen, Freude haben, gemeinsam etwas erschaffen. 

Das Publikum merkt das sofort. 

Kommunikation ist mehr als Kommunikation. 

Es ist, wie man sich fühlt, während man kommuniziert. 

Mini glossary

Solo · Orchester · Tutti 

  • Solo: Eine Stimme trägt bewusst Verantwortung 
  • Orchester: Viele Stimmen formen gemeinsam 
  • Tutti: Alle gemeinsam – maximale Wirkung 

 

FAQ

Dass Führung weniger mit Lautstärke und mehr mit Klarheit, Timing und Zuhören zu tun hat. 

Durch ein gemeinsames Bild, nicht durch Regeln. 

Weil sie alle gleichzeitig erreichen – unabhängig von Rolle, Erfahrung oder Perspektive. 

Takeaways

Ein gutes Orchester entsteht nicht, weil alle gleich spielen. Sondern weil alle wissen, welches Bild sie gemeinsam erzeugen. 

Führung ist kein Solo. Sie ist ein fein abgestimmtes Tutti, mit Raum für jede Stimme.