Kurz vorm Sprung: Selbstgespräch beim Tandemflug
Angst, Kummer, Verzweiflung. Hatte ich alles nicht. Doch ist ein Bühnenauftritt schlimmer als ein Sprung aus dem Flugzeug?


Die Tür geht auf. Vor mir: nichts.
Also, nicht ganz nichts. Da sind Luft, Wolken und ungefähr 4.000 Meter zwischen mir und einem Boden, den ich aus dieser Höhe plötzlich ausgesprochen sympathisch finde. Irgendwo dort unten geht das Leben seiner üblichen Beschäftigung nach. Menschen stehen im Stau, schreiben E-Mails und diskutieren vielleicht gerade darüber, wer das Protokoll vom letzten Meeting führt.
Und ich? Ich soll aus einem funktionierenden Flugzeug springen.
Nicht, weil es brennt. Freiwillig.
Wer den ersten Teil über Fallschirmspringen, Lampenfieber und Nervosität gelesen hat, kennt das Experiment: Was passiert im Kopf, wenn eine Frau, die regelmäßig auf Bühnen steht, sich an die Flugzeugtür setzt? Lässt sich Angst überwinden, indem man einfach springt? Und ist ein Tandemsprung wirklich furchteinflößender als ein Vortrag vor Menschen, die später Rückfragen stellen dürfen?
Die kurze Antwort: Ich hatte keine Angst. Ich war nervös. Das ist nicht dasselbe.
Red gscheit mit dir! Der innere Dialog.
Große Geschichten beginnen in der griechischen Antike mit einem Orakel. Bei mir eigentlich auch: ich hab zflys gefragt, was für den nächsten Content lustig wäre. Na, Fallschirm springen. Denn genug Klientinnen und Klienten beschreiben den Fallschirmsprung ähnlich einem Bühnenauftritt.
Und auch hier war ich froh, zwar meinem Selbstgespräch lauschen zu dürfen und doch nicht alleine springen zu müssen. Gerade so ein Erlebnis schweisst sehr zusammen. Doch natürlich springt jeder für sich. Die Besprechungen und Dialoge davor waren jedoch hilfreich. Und amüsant.
- Niemand durfte das "A-Wort" (=Absturz) sagen.
- Wir mussten warten, weil das Flugzeug getankt wurde: Beide waren herzlicher als sonst.
- Kameras wurden verwendet, um dieses Event festzuhalten.
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Soweit zum äußeren Dialog mit anderen.
Mein innerer Dialog drehte sich vor allem um zwei Fragen beziehungsweise Beobachtungen: Würde ich gleich so aufgeregt sein wie vor einem Bühnenauftritt? Und wie angenehm war es bitte, diesmal nichts vorbereiten, üben oder recherchieren zu müssen?
Keine Folien. Keine Pointe, die sitzen muss. Keine Zahlen, die mir im entscheidenden Moment aus dem Gedächtnis purzeln können. Mein einziger inhaltlicher Auftrag lautete im Wesentlichen: zuhören, atmen und nicht so tun, als wüsste ich es besser als der Profi, an dem ich festgeschnallt war.
Das ist für Menschen, die gern vorbereitet sind, erstaunlich befreiend.

Skurrile Ausstattung & smarte Werkzeuge
Dann kam die Ausrüstung. Wir bekamen alle lustige Overalls und lustige Hauben. Falls jemand glaubt, Heldentum beginne mit einem dramatisch wehenden Umhang: Nein. Manchmal beginnt es mit einer Kopfbedeckung, bei der sämtliche Eitelkeit freiwillig das Gebäude verlässt. Es war großartig. Dazu ein Einteiler, der mich aussehen hat lassen wie ein Klempner. Oder wie Katy Perry bei ihrem Space-Flug.
Mein Tandemmaster Roman hat normalerweise mit deutlich nervöseren Sprungpartnern und Sprungpartnerinnen zu tun. Ich war nicht gelassen im Sinne von „ist mir alles wurscht“. Im Gegenteil: Ich war hellwach, aufgeregt und voller Vorfreude. Mein Körper wusste, dass etwas Außergewöhnliches bevorstand. Aber mein Kopf wollte nicht weg. Er wollte hinsehen.
Genau hier wird Sprache wichtig. Wenn wir jede körperliche Aktivierung sofort „Angst“ nennen, erzählen wir uns möglicherweise die falsche Geschichte. Ein schneller Puls kann Flucht bedeuten. Er kann aber auch heißen: Achtung, das hier ist wichtig. Vorfreude trägt manchmal dieselbe Tunika wie Nervosität, nur mit einem anderen Reiseziel.

Aufstieg zum Olymp, nur mit Sicherheitsgurt
Beim Aufstieg wurden die Häuser kleiner, die Straßen schmaler und die Menschen unsichtbarer. Dann waren da die Wolken. Die Wolken des Olymp, gesehen aus 4.000 Metern Höhe.
Von oben wirkten die Menschen winzig und still. Vielleicht ungefähr so, dachte ich, müssten uns die olympischen Götter sehen: viel Gewusel, viele wichtige Kalendertermine, sehr viele Meinungen. Und aus dieser Entfernung ist plötzlich alles erstaunlich leise.
Diese neue Perspektive war nicht nur schön. Sie war heilsam. Unten nehmen wir unsere Auftritte, Fehler und inneren Dramen gern so ernst, als würde Zeus persönlich ein Protokoll darüber führen. Oben sieht man: Die Welt ist groß. Du bist klein. Und das ist keine Kränkung, sondern eine Entlastung.
Dann näherten wir uns dem Moment, um den es ging.

Die ersten zehn Sekunden: kein Platz für Nebengedanken
Die ersten zehn Sekunden nach dem Absprung sind die Erinnerung, die bei mir besonders leuchtet. Der gesamte freie Fall war unglaublich. Aber in diesen ersten zehn Sekunden fällt alles Überflüssige aus dem Kopf.
Kein „Was denken die anderen?“. Kein „Hätte ich mich besser vorbereiten sollen?“. Kein innerer Ausschuss, der noch schnell Haltung, Wirkung und mögliche Anschlussfragen bewertet.
Da ist nur der Moment.
Und Luft. Sehr viel Luft.
Ich habe alles genossen: den Aufstieg, diese ersten zehn Sekunden des Fallens, den gesamten freien Fall, den Flug am Fallschirm und die Landung. Wirklich alles. Der freie Fall war unglaublich, der Blick wunderschön. Ich würde es sofort wieder tun.
Beim Fallschirmspringen gibt es natürlich Aufmerksamkeit von anderen. Menschen schauen. Eine Kamera kann dabei sein. Aber die Aufgabe ist im Grunde bestechend klar: überleben und den Anweisungen folgen. Niemand zählt deine Ähs. Niemand vergibt Haltungspunkte. Und nach der Landung kommt keine unvorhersehbare Frage aus Reihe drei, die mit „Ich habe eigentlich keine Frage, eher einen Kommentar“ beginnt.
Vielleicht schwitze ich deshalb vor einem Bühnenauftritt mehr.
Angst überwinden oder Nervosität richtig benennen?
Nach dem Sprung wurde ich immer wieder gefragt, ob ich Angst gehabt hätte. Nein. Nervös? Ja. Weil ich aufgeregt war und mich darauf gefreut habe.
Das klingt nach einer kleinen sprachlichen Korrektur, macht aber einen riesigen Unterschied. Angst überwinden bedeutet nicht immer, einen panischen inneren Widerstand niederzuringen. Manchmal bedeutet es, genauer hinzuhören: Will ich tatsächlich fliehen oder meldet mein Körper nur, dass ich gerade meine Komfortzone verlasse?
Über unseren inneren Dialog gibt es bereits einen zflys Blog: „Innerer Dialog: Was die Wissenschaft dazu sagt“.
Beim Tandemsprung wurde daraus ein Praxistest ohne PowerPoint. Gedanken sind nicht bloß Begleitmusik. Sie beeinflussen, ob wir Erregung als Gefahr, Vorfreude oder Herausforderung deuten.
Beim Lampenfieber und bei Bühnenangst ist das ähnlich, nur bleibt die Rückmeldung diffuser. Eine gelungene Landung ist ziemlich eindeutig: Wir stehen wieder unten. Ein gelungener Auftritt? Vielleicht applaudieren alle, vielleicht schaut jemand ernst, weil er konzentriert ist, vielleicht war die Technik schlecht, vielleicht grübelt man selbst über einen einzigen Satz, den sonst niemand bemerkt hat.
Atmen ist keine esoterische Dekoration
Atmen klingt als Tipp oft verdächtig banal. Oder es wird in die esoterische Ecke gestellt, irgendwo zwischen Räucherstäbchen und der Aufforderung, das innere Einhorn zu umarmen. Dabei ist Atmen ziemlich handfest: beim Fallschirmspringen ebenso wie auf der Bühne.
Wenn wir nervös werden, wird der Atem gern flach oder hektisch. Bewusstes Atmen holt die Aufmerksamkeit zurück in den Körper und in den aktuellen Moment. Es löst nicht jedes Problem. Aber es verhindert, dass wir zur ohnehin aufregenden Situation auch noch hausgemachtes körperliches Chaos kreieren.
Beim Tandemsprung musste ich nicht brillieren. Ich musste präsent bleiben und den Anweisungen eines ausgebildeten Profis folgen. Auf der Bühne gilt überraschend oft dasselbe Prinzip: atmen, zuhören, im Moment bleiben. Nur dass dort niemand mit einem Fallschirm hinter einem hängt und verlässlich die Richtung kennt. Außer man trainiert mit mir vorher.
Fünf Tipps, wenn du deine Komfortzone verlassen willst
1. Benenne präzise, was du fühlst
Frag dich nicht nur: „Habe ich Angst?“ Unterscheide zwischen Angst, Nervosität, Vorfreude, Unsicherheit und körperlicher Aktivierung. Diese Präzision macht das Gefühl nicht kleiner, aber sie verhindert, dass dein innerer Dialog sofort Katastrophenmanagement ausruft.
2. Mach den nächsten Schritt konkret
„Ich muss meine Angst überwinden“ ist riesig und wenig hilfreich. „Ich melde mich an“, „Ich betrete die Bühne“ oder „Ich höre jetzt der Sicherheitseinweisung zu“ ist machbar. Heldengeschichten bestehen selten aus einem einzigen gewaltigen Satz, sondern aus vielen konkreten nächsten Schritten.
3. Atme, bevor du dich bewertest
Nimm ein paar bewusste, ruhige Atemzüge und verlängere vor allem das Ausatmen angenehm, ohne etwas zu erzwingen. Bewerte erst danach, wie nervös du wirklich bist. Bei starken oder ungewöhnlichen körperlichen Beschwerden gilt selbstverständlich: nicht wegatmen wollen, sondern professionellen Rat einholen.
4. Vertraue dort auf Profis, wo Fachwissen zählt
Ein Tandemsprung ist kein Ort für spontane Selbstverwirklichung nach einem Online-Tutorial. Höre auf die ausgebildeten Tandemmaster und Tandemmasterinnen und befolge ihre Anweisungen. Dasselbe Prinzip hilft anderswo: Gute Vorbereitung bedeutet auch zu wissen, wann jemand anderes mehr Erfahrung hat. winkwink
5. Sammle Erfahrungen statt nur Argumente
Du kannst eine neue Perspektive nicht vollständig herbeidenken. Irgendwann musst du etwas tun: sprechen, klicken, reisen, auftreten oder springen. Um Geschichten zu schreiben, muss man etwas erleben. Sonst schmeckt das Leben fad und irgendwann klingen sogar alle Dialoge gleich. Meiner Meinung nach.
Risiko gibt es auch auf dem Sofa
Fallschirmspringen hat Risiken. Das werde ich nicht kleinreden. Zu Hause zu sitzen hat allerdings auch Risiken: dass die Welt immer schneller wird, die Geschichten ausgehen und man irgendwann jede Entscheidung mit „Schau ma mal“ beantwortet.
Das ist keine Aufforderung, unüberlegt aus Flugzeugen zu springen. Es ist eine Einladung, das eigene Sicherheitsbedürfnis gelegentlich zu prüfen. Schützt es dich gerade sinnvoll? Oder bewacht es nur eine Komfortzone, die längst zu klein geworden ist?
Verdammt! Wir leben noch!
Mehr noch: Für ein paar Minuten war das Leben sehr laut, sehr klar und gleichzeitig wunderbar still im Kopf.
Du musst nicht mit einem Fallschirmsprung anfangen, um Angst zu überwinden oder Nervosität neu einzuordnen. Vielleicht ist dein Sprung ein schwieriges Gespräch. Ein erster Bühnenauftritt. Eine Idee, die du endlich aussprichst, obwohl noch niemand höflich darum gebeten hat.
Mein Tandemsprung hat mir gezeigt: Ich kann sehr nervös sein und trotzdem keine Angst haben. Ich kann nichts kontrollieren müssen und dennoch präsent bleiben. Und ich kann aus 4.000 Metern auf die Welt schauen und erkennen, dass vieles, was unten riesig wirkt, von oben nicht einmal Lärm macht.
Kein Held und keine Heldin wurde je im Komfort geboren. Schon gar nicht am Olymp.
Deine Komfortzone muss nicht auf 4.000 Metern enden.
Wenn dein nächster mutiger Schritt auf eine Bühne, in ein schwieriges Gespräch oder zu einer klaren Botschaft führt: zflys hilft dir, präsent und wirksam zu kommunizieren.
Hinweis: Dieser Beitrag beschreibt meine persönliche Erfahrung. Er ist weder Sicherheitsberatung noch medizinische oder psychologische Beratung. Bei einem Tandemsprung kommen Sicherheitseinweisung und konkrete Anweisungen immer von ausgebildeten Fachpersonen und sind verbindlich zu befolgen.
